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CHINESISCHE SKULPTUREN DES 6. JAHRHUNDERTS

Die Rückkehr des Buddha

Qingzhou war bis vor kurzem eine nur wenigen bekannte Kleinstadt in der ostchinesischen Provinz Shandong.

Giant Buddha, Dunhuang, China.

Giant Buddha, Dunhuang, China.

Im Jahre 1996 lenkte jedoch ein sensationeller archäologischer Fund die Aufmerksamkeit chinesischer und westlicher Forscher auf diesen unscheinbaren Ort. Bauarbeiter förderten Steinfragmente von über 320 buddhistischen Figuren zu Tage, die von Experten des in ummittelbarer Nachbarschaft gelegenen Museums rasch als Skulpturen, die ursprünglich zur Ausstattung alter, längst untergegangener Tempel gehörten, identifiziert werden konnten. Sie stammen aus einer Zeit, als Qingzhou noch das politische und religiöse Zentrum dieser Küstenregion war. Beinahe alle entdeckten Buddha- und Bodhisattvafiguren sind aus einem feinkörnigen Kalkstein gearbeitet, wie er heute noch bei Qingzhou abgebaut wird und ihr guter Erhaltungszustand wird für die Geschichte der buddhistischen Kunst als ein einzigartiger Glücksfall gewertet.

Sie lagen in einer 9 x 7 Meter großen Grube, nur eineinhalb Meter unter dem heutigen Erdniveau. Dort hatte man sie sorgsam aufgeschichtet und mit Schilfmatten abgedeckt. Eine Untersuchung der Münzfunde ergab, dass dies im 12. Jahrhundert geschehen sein muss. Eine zweite Sensation folgte auf den Fuß: Fast alle Figuren stammen aus dem 6. Jahrhundert. Sie waren also zur Zeit der Einlagerung bereits über 500 Jahre alt. Bis heute ist es ein Rätsel, weshalb die Figuren einst zerstört wurden. War es ein Erdbeben, eine Feuersbrunst, oder fielen sie Buddhistenverfolgungen zum Opfer? Die beschädigten Tempelskulpturen, die kultisch entheiligt waren, wurden im 12. Jahrhundert freilich nicht einfach weggeworfen, sondern in einem Akt religiöser Frömmigkeit ehrenvoll bestattet.

Im 6. Jahrhundert war der Buddhismus in China eine noch junge Religion. Die in Indien entstandene Glaubensgemeinschaft wurde zunächst in Klöstern an der Seidenstrasse und an den nordchinesischen Kaiserhöfen gefördert. Bald schon entwickelte sie sich in ganz China zu einer weit verbreiteten Volksreligion, unter manchen Herrschern sogar zur Staatsreligion. Die Figuren von Qingzhou wurden als Weihegaben von lokalen Beamten, Kaufleuten und Bauern für die Tempel der Stadt gestiftet. Im Gegensatz zu den großen, vom Adel und vom Kaiserhof geförderten Tempelanlagen können die Bildwerke von Qingzhou als frühe Beispiele der Volksfrömmigkeit und der Stiftungsfreudigkeit einer breiten Bevölkerung betrachtet werden.

Lachender Buddha, China.

Lachender Buddha, China.

Historische Nachforschungen haben unterdessen ergeben, dass das Gelände, auf dem die Skulpturen entdeckt wurden, wohl einst zum "Tempel des Drachenaufstiegs" gehört hatte über den allerdings keine konkreten Beschreibungen über seine Frühgeschichte vorliegen obwohl man davon ausgehen darf, dass es sich um den größten und reichsten Tempel der Provinz gehandelt hat. Heute geht man jedenfalls davon aus, dass die vielen Figuren in der Grube nicht nur aus diesem berühmten Tempel stammen, sondern auch aus verschiedenen anderen Tempeln der Gegend, denn nur so lässt sich die erstaunlich hohe Anzahl aufgefundener Kultbilder erklären.

Die Ausstellung versammelt nun Skulpturen, die in der Zeit zwischen 520 und 577 entstanden sind. In diesen fünfzig Jahren hat sich in der buddhistischen Kunst Chinas ein entscheidender Stilwandel vollzogen. Die frühen Skulpturen, meist in Relief gearbeitete Konfigurationen, wirken streng und monumental. Die Bildhauer zeigten wenig Interesse an einer naturalistischen Gestaltung des menschlichen Körpers. Die Gewänder wirken zudem noch ornamental. Bei den späteren, meist als freistehende Figuren konzipierten Bildwerken hingegen wird der Körper betont und die hauchdünnen Gewänder schmiegen sich an ihn wie nasse Seide. Dieser Stilwandel lässt sich auf den Einfluss der buddhistischen Kunst Indiens zurückführen. In jenen Jahren wurden die Kontakte über die Seidenstrassen nach Zentral- und Südasien zum indischen Gupta-Reich wieder aktiviert. Dieser Austausch hat, wie die indisch anmutenden Figuren der Ausstellung zeigen, seine Spuren bis in den entlegenen Osten, nach Shandong, hinterlassen.

Die zwei ersten Ausstellungen in Beijing und Hongkong führten einem staunenden Publikum die archäologische Sensation aus Qingzhou mit großem Erfolg vor. Nun kommt dieser für die buddhistische Kunst so wichtige Fund zum ersten Mal in den Westen. In Zusammenarbeit mit den Staatlichen Museen in Berlin und der Royal Academy of Arts in London präsentiert das Museum Rietberg die 33 schönsten und bedeutendsten Figuren aus Qingzhou und vermittelt so einen einmaligen Eindruck von der Pracht und der Farbigkeit des frühen Buddhismus in China.

Ausstellung im Museum Rietberg Zürich und in der Royal Academy of Arts London.

Lukas Nickel (Hrsg.): Die Rückkehr des Buddha.
Chinesische Skulpturen des 6. Jahrhunderts. Der Tempelfund von Qingzhou.
4°. 236 S., 132 Farb-Abb. Museum Rietberg, Zürich 2001.

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